Neuerscheinung | Themenheft der Geographischen Zeitschrift

GZ_2013_3-4_125-131_Einleitung_Belina_Seite_1In der Geo­gra­phi­schen Zeit­schrift ist ein Dop­pel­heft mit Bei­trä­gen aus vie­len Teil­pro­jek­ten unse­res For­schungs­ver­bunds erschie­nen. Die Ein­lei­tung ist frei abruf­bar, alle wei­te­ren Bei­träge sind über Biblio­the­ken mit Abon­ne­ment via ingen­ta­connect zu beziehen. 

Die Zeit­dia­gnose „neo­li­be­ral“ ist seit den 1990er Jah­ren, ver­stärkt noch durch die Wirt­schafts– und Finanz­krise seit dem Jahr 2008, in Bezug auf viele gesell­schaft­li­chen Berei­che gän­gig gewor­den: Ein neo­li­be­ra­li­sier­tes Bil­dungs­sys­tem wird ebenso dia­gnos­ti­ziert wie eine neo­li­be­ra­li­sierte Wirt­schafts­ord­nung oder eben neo­li­be­rale städ­ti­sche Ent­wick­lun­gen. In den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zie­len die meis­ten Ana­ly­sen auf eine Beschrei­bung und Erklä­rung gegen­wär­ti­ger Ver­än­de­run­gen im all­täg­li­chen Zusam­men­le­ben und ihrer Ver­bin­dung zu neo­li­be­ra­ler Theo­rie und Poli­tik. Sel­te­ner sind Per­spek­ti­ven vor­zu­fin­den, die nicht nur neo­li­be­rale Umfor­mun­gen kon­sta­tie­ren, son­dern dar­über hin­aus die gemach­ten Beob­ach­tun­gen in eine kon­zep­tio­nelle Debatte über Neo­li­be­ra­lis­mus selbst über­füh­ren. In dem Fall ginge es darum, auch Ambi­va­len­zen und Brü­che inner­halb des Neo­li­be­ra­len zu the­ma­ti­sie­ren, damit des­sen Pro­zess­haf­tig­keit deut­li­cher begrif­fen wer­den kann. Die­sen Anspruch hat das vor­lie­gende The­men­heft, das Bei­träge zu neo­li­be­ra­len Neu­ord­nun­gen des Städ­ti­schen ver­eint, die an empi­ri­schen Ana­ly­sen auch theoretisch-konzeptionelle Ein­ord­nun­gen zum gegen­wär­ti­gen Sta­tus der Neo­li­be­ra­li­sie­rung in Städ­ten vor­neh­men. Den Hin­ter­grund für alle Bei­träge bil­den gemein­same Dis­kus­sio­nen der Autor_innen zum Begriff des Neo­li­be­ra­lis­mus und sei­ner Rele­vanz in der Stadtforschung.

Seite 125–131

Bernd Belina / Susanne Heeg / Robert Pütz / Anne Vogelpohl

Neu­ord­nun­gen des Städ­ti­schen im neo­li­be­ra­len Zeit­al­ter – Zur Einleitung

Resha­ping the Urban in Neo­li­be­ral Times: Intro­duc­tion to the Discussion

Seite 132–147Marit RosolRegie­ren (in) der neo­li­be­ra­len StadtFou­caults Ana­lyse des Neo­li­be­ra­lis­mus als Bei­trag zur Stadtforschung

Zusam­men­fas­sung

In die­sem konzeptionell-theoretischen Auf­satz wird der Bei­trag des fou­cault­schen Gou­ver­ne­men­ta­li­täts­an­sat­zes für die Deu­tung und Erklä­rung städ­ti­scher Neu­ord­nungs­pro­zesse im neo­li­be­ra­len Zeit­al­ter dis­ku­tiert. Dazu wird sowohl auf die Vor­le­sun­gen von Michel Fou­cault aus dem Jahr 1979 und Texte wei­te­rer Gouvernementalitätsforscher_innen als auch auf jün­gere, inter­na­tio­nale Bei­träge aus Geo­gra­phie und Stadt­for­schung zurück­ge­grif­fen. Zunächst wer­den zen­trale Erkennt­nisse der gou­ver­ne­men­ta­len Ana­lyse des Neo­li­be­ra­lis­mus vor­ge­stellt (Regie­ren auf Grund­lage der Öko­no­mie und Regie­ren über Gemein­schaft, Ver­ant­wor­tung und Par­ti­zi­pa­tion), um anschlie­ßend zu zei­gen, wie diese Ana­ly­sen in der Stadt­for­schung auf­ge­grif­fen und wei­ter­ent­wi­ckelt wur­den. In einem Aus­blick wird dis­ku­tiert, inwie­fern die Gou­ver­ne­men­ta­li­täts­for­schung einen ent­schei­den­den Bei­trag für die der­zei­tige Stadt­for­schung leis­ten als auch die Stadt­for­schung Erkennt­nisse der Gou­ver­ne­men­ta­li­täts­for­schung vor­an­trei­ben kann.

Governing (in) the neo­li­be­ral city

The Fou­caul­dian ana­ly­sis of neo­li­be­ra­lism as a con­tri­bu­tion to urban research

Abstract

The focus of this theoretical-conceptual arti­cle is the con­tri­bu­tion of the Fou­caul­dian govern­men­ta­lity approach for the under­stan­ding of pro­ces­ses of re-ordering the urban in the age of neo­li­be­ra­lism. For this rea­son, it reviews Foucault’s ori­gi­nal lec­tures from 1979 and of other govern­men­ta­lity scho­lars as well as recent work from urban geo­gra­phy and urban stu­dies. Two main insights of the Fou­caul­dian ana­ly­sis of neo­li­be­ra­lism will be pre­sen­ted and it will be shown, how urban scho­lars have made use of and deve­l­o­ped fur­ther these insights in their ana­ly­sis of neo­li­be­ral urban gover­nance: a) the art of exer­cising power and governing society in the form, and accor­ding to the model, of the eco­nomy and b) governing through com­mu­nity, responsi­bi­lity, and par­ti­ci­pa­tion. In an out­look it is dis­cus­sed in how far the govern­men­ta­lity approach can con­tri­bute to urban geo­gra­phy and urban stu­dies and vice versa.

Seite 148–165Nadine Mar­quardtRäume der Für­sorgeRegie­ren der Woh­nungs­lo­sig­keit im betreu­ten Wohnen

Zusam­men­fas­sung

Im Anschluss an Fou­caults Ana­ly­tik der Gou­ver­ne­men­ta­li­tät unter­sucht der Auf­satz Räume des betreu­ten Woh­nens für Woh­nungs­lose als Inter­ven­ti­ons­feld des Regie­rens. Statt aus exklu­si­ons­theo­re­ti­scher Per­spek­tive auf die Ursa­chen und For­men des Aus­schlus­ses von Woh­nungs­lo­sen zu fokus­sie­ren, fragt die Unter­su­chung, wel­che Prak­ti­ken das Inter­ven­ti­ons­feld der Woh­nungs­lo­sen­hilfe aktu­ell bil­den, wel­ches Pro­blem­ver­ständ­nis in Räu­men des betreu­ten Woh­nens wirk­sam wird und was die­ses prak­ti­sche Feld der Bear­bei­tung von Woh­nungs­lo­sig­keit über den gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen Umgang mit Exklu­si­ons­phä­no­me­nen in der Stadt erzäh­len kann. Anhand einer Fall­stu­die in Ber­lin rekon­stru­iert die Ana­lyse das Regie­ren der Woh­nungs­lo­sig­keit als ein dif­fe­ren­zier­tes Netz von Hilfs-, Akti­vie­rungs– und Normalisierungsmaßnahmen.

The governing of home­l­ess­ness in spaces of care

Abstract

Fol­lo­wing Foucault’s ana­ly­sis of govern­men­ta­lity, the paper exami­nes spaces of assis­ted living for the home­l­ess as a con­tem­porary field of governing. The paper pro­po­ses to ana­lyse the pro­ble­ma­tiza­ti­ons and prac­tices that cur­rently con­sti­tute the governing of home­l­ess­ness and to under­stand spaces of care for the home­l­ess as a spe­ci­fic field of govern­men­tal inter­ven­tion. Buil­ding on an empi­ri­cal case study in Ber­lin, the paper retra­ces the pro­ble­ma­tiza­ti­ons of home­l­ess­ness and prac­tices of sup­port, activa­tion and nor­ma­liza­tion that shape assis­ted living faci­li­ties and dis­cus­ses what the governing of home­l­ess­ness in these spaces can tell us about con­tem­porary ans­wers to exclu­sion in the city.

Seite 166–183Robert Pütz / Mathias RodatzKom­mu­nale Inte­gra­ti­ons– und Viel­falts­kon­zepte im Neo­li­be­ra­lis­musZur stra­te­gi­schen Steue­rung von Inte­gra­tion in deut­schen Großstädten

Zusam­men­fas­sung

Inte­gra­ti­ons­po­li­tik ist in Deutsch­land in den letz­ten Jahr­zehn­ten einer grund­le­gen­den Neu­ord­nung unter­wor­fen wor­den, bei der die Stadt und vor allem der »Sozi­al­raum« im Stadt­teil als zen­trale Hand­lungs­ebe­nen der Inte­gra­ti­ons­po­li­tik kon­zi­piert wur­den: »Inte­gra­tion fin­det vor Ort statt« lau­tet einer der ent­spre­chen­den Leit­sätze der neuen poli­ti­schen Stra­te­gien. Der Bei­trag ana­ly­siert die­sen Para­dig­men­wech­sel aus gou­ver­ne­men­ta­li­täts­ana­ly­ti­scher Per­spek­tive am Bei­spiel der Inte­gra­ti­ons­kon­zepte der 20 größ­ten Städte Deutsch­lands und stellt ihn in einen Zusam­men­hang mit über­ge­ord­ne­ten Pro­zes­sen einer Neo­li­be­ra­li­sie­rung des Städtischen.

City Stra­te­gies on Diver­sity and Inte­gra­tion under Neo­li­be­ral Conditions

Stra­te­gic Manage­ment of Inte­gra­tion in Major Ger­man Cities

Abstract

Poli­cies of inte­gra­tion have been reinven­ted and res­ca­led in Ger­many over the last deca­des. Cities and neigh­borhoods have been dis­cus­sed as import­ant spaces of inter­ven­tion: »Inte­gra­tion is local« is one of the slo­gans of this dis­course. The paper dis­cus­ses this new para­digm in terms of govern­men­ta­lity dra­wing on insights from inte­gra­tion stra­te­gies in Germany’s 20 lar­gest cities. It rela­tes this policy change to the more gene­ral chan­ges in urban policy and ratio­na­lity that have been dis­cus­sed as the neo­li­be­ral re-ordering of cities.

Seite 184–200Felix Silomon-Pflug / Susanne HeegNeo­li­be­rale Neu­ord­nung städ­ti­scher Ver­wal­tun­gen am Bei­spiel des Lie­gen­schafts­fonds Ber­linZusam­men­fas­sung

In dem Bei­trag beschäf­ti­gen wir uns mit der Frage, wie sich die Wahr­neh­mung von und der Umgang mit Lie­gen­schaf­ten im öffent­li­chen Besitz mit der Ein­füh­rung von Instru­men­ten des Neuen Steue­rungs­mo­dells (NSM) ver­än­dert hat. Im ers­ten Abschnitt fas­sen wir die Eta­blie­rung neuer betriebs­wirt­schaft­li­cher For­men von Ver­wal­tungs­steue­rung und –han­deln unter dem Label NSM zusam­men. Daran anschlie­ßend betrach­ten wir anhand der Innen– und Außen­di­men­sion des NSM den stra­te­gi­schen Gehalt der NSM-Reformen. Vor die­sem Hin­ter­grund erläu­tern wir im zwei­ten Abschnitt des Arti­kels ers­tens die Ein­füh­rung von NSM-Instrumenten in der Ber­li­ner Bezirks­ver­wal­tung und zwei­tens die Grün­dung des Lie­gen­schafts­fonds Ber­lin (LFB), um abschlie­ßend die Wech­sel­wir­kun­gen bei­der Refor­men hin­sicht­lich der Ber­li­ner Lie­gen­schafts­po­li­tik seit den 2000er Jah­ren zu analysieren.

Neo­li­be­ral reor­de­ring of urban admi­nis­tra­ti­ons using the example of the Lie­gen­schafts­fonds Berlin

Abstract

In this paper we look at the issue of how the per­cep­tion and hand­ling of publi­cly owned real estate has chan­ged with the intro­duc­tion of the Neues Steue­rungs­mo­dells (NSM). In the first sec­tion we sum­ma­rize new eco­no­mic forms of public admi­nis­tra­tion manage­ment and action under the NSM. Fol­lo­wing this we con­sider the stra­te­gic dimen­sion of the inter­nal and exter­nal dimen­sion of the NSM reforms. In the second part of the arti­cle we firstly dis­cuss against this back­ground the intro­duc­tion of NSM instru­ments in the district admi­nis­tra­tion of Ber­lin and secondly the foun­ding of the Lie­gen­schafts­fonds Ber­lin (LFB). Finally we ana­lyze the inter­ac­tions of both reforms in regard to the Ber­lin pro­perty policy since the 2000s to iden­tify pro­ces­ses of re-ordering the city.

Seite 201–217Felix Silomon-Pflug / Chris­tian Stein / Susanne Heeg / Robert PützDie unter­neh­me­ri­sche Stadt als Gegen­stand von Urban-Policy-Mobilities-ForschungKon­text­ua­li­sie­rung glo­bal ver­füg­ba­rer Poli­tik­mo­delle am Bei­spiel BID und PPP in Frank­furt am Main

Zusam­men­fas­sung

In dem Bei­trag betrach­ten wir am Bei­spiel eines Busi­ness Impro­ve­ment Districts (BID) und eines Public Pri­vate Part­nerships (PPP) in Frank­furt am Main, wel­che Bedeu­tung Aneig­nun­gen glo­bal ver­füg­ba­rer Poli­tik­mo­delle für urbane Neu­ord­nungs­pro­zesse haben. Dabei dis­ku­tie­ren wir die Rolle dis­kur­si­ver Ein­bet­tun­gen, Kon­text­ua­li­sie­rungs­prak­ti­ken und Macht­kon­stel­la­tio­nen als zen­trale Momente für die Adap­tion sowie Trans­for­ma­tion mobi­li­sier­ter Poli­ti­ken. Im Zen­trum steht vor dem Hin­ter­grund der Debatte um policy mobi­li­ties die Aus­ein­an­der­set­zung mit unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen eines »actually exis­ting neo­li­be­ra­lism« (Bren­ner und Theo­dore 2002) und sei­nes Ver­hält­nis­ses zu ande­ren Logi­ken städ­ti­schen Regierens.

Urban Policy Mobi­lity Stu­dies and the Entre­pre­neu­rial City

Con­text­ua­li­zing BID and PPP as Glo­ba­li­zed Policy Models in Frank­furt, Main

Abstract

In this paper, we dis­cuss the rele­vance of mobi­li­zed policy models for urban restruc­tu­ring pro­ces­ses. The pur­pose of ana­ly­zing a Busi­ness Impro­ve­ment District (BID) and a public-private part­nership (PPP) in Frank­furt (Main) is to examine the import­ance of dis­cur­sive embed­ding, prac­tices of con­text­ua­liza­tion and con­fi­gu­ra­ti­ons of power for the adapta­tion and trans­for­ma­tion of those policy models. We con­sider the ana­ly­sis of policy mobi­li­ties as cru­cial for the under­stan­ding of varie­ga­ted forms of »actually exis­ting neo­li­be­ra­lism« (Brenner/Theodore 2002) and logics of urban governing.

Seite 218–234Jan Kem­per / Anne Vogelp­ohlPara­do­xien der neo­li­be­ra­len StadtZusam­men­fas­sung

Der Bei­trag greift mit »Para­do­xie« eine Per­spek­tive auf, um wider­sprüch­lich erschei­nende, eng anein­an­der gekop­pelte städ­ti­sche Ent­wick­lun­gen ver­steh­bar zu machen. Gegen­läu­fig­kei­ten und Brü­che im Pro­zess der Neo­li­be­ra­li­sie­rung der Städte wer­den ana­ly­tisch bis­her ent­we­der kaum beach­tet oder als Ein­falls­tore für wider­stän­dige Gegen­pro­jekte gedeu­tet. Nach einer Aus­ar­bei­tung des Para­do­xie­kon­zep­tes, das an das Modell der »Para­do­xien des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus« (Hon­neth 2002a) anknüpft, skiz­zie­ren wir (a) das Para­dox der Homo­ge­ni­sie­rung durch Dif­fe­ren­zie­rung im Pro­zess der Inwert­set­zung innen­städ­ti­scher Quar­tiere, (b) das Para­dox der Aus­gren­zung durch Mit­be­stim­mung im Zuge von Par­ti­zi­pa­ti­ons­ver­fah­ren in Stadt­pla­nung und –poli­tik sowie © das Para­dox des Loka­lis­mus durch Glo­ba­li­sie­rung in der all­ge­mei­nen Städtekonkurrenz.

Para­do­xes of the Neo­li­be­ral City

Abstract

Up to now, the ana­ly­sis of breaks and rup­tures wit­hin the pro­cess of the neo­li­be­ra­liza­tion of cities is gene­rally lacking. When taken into con­side­ra­tion, such rup­tures are mostly framed as entry points for resis­ting counter-movements. This paper instead builds on the con­cept of »para­do­xes« for gra­s­ping urban pro­ces­ses that are see­min­gly con­tra­dic­tory, but in fact are clo­sely rela­ted. We first ela­bo­rate the paradox-concept, employ­ing the model of »para­do­xes of con­tem­porary capi­ta­lism« (Hon­neth 2002a). Then we exem­plify (a) the para­dox of homo­ge­niza­tion through dif­fe­ren­tia­tion in the valo­riza­tion pro­cess of cen­tral urban neigh­borhoods, (b) the para­dox of exclu­sion through par­ti­ci­pa­tion in urban plan­ning and poli­tics and © the para­dox of loca­lism through glo­ba­liza­tion wit­hin the urban competitiveness.

 

 

 

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